UN: Frauen sind weltweit immer noch nicht gleichgestellt

UNWomen-Direktorin Phumzile Mlambo-Ngcuka [Foto: a katz/Shutterstock]

Exklusiv: Ohne mehr Gleichstellung werde man auch bei allen anderen Entwicklungszielen nicht vorankommen, mahnt Phumzile Mlambo-Ngcuka im Interview mit EURACTIV. Doch längst nicht nur arme Länder müssten in puncto Geschlechtergleichheit aufholen.

Phumzile Mlambo-Ngcuka ist Präsidentin der 2011 gegründeten Behörde der Vereinten Nationen „UN Women“ in New York. Die südafrikanische Politikerin der Partei COPE war von 2005 bis 2008 Vizepräsidentin Südafrikas. 

Die neuen Verpflichtungen der UN für die Gleichstellung der Geschlechter haben ein ehrgeiziges Ziel: Sie wollen bis zum Jahr 2030 Geschlechtergleichheit erreichen. Aber vor allem in armen Ländern sind Frauen noch immer oft von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. Wie können sie eine Stimme bekommen?

Zuerst einmal: Dass Frauen von politischer Führung und Mitbestimmung ausgeschlossen sind, ist bei weitem nicht nur ein Phänomen in armen Ländern. Afghanistan zum Beispiel hat mehr Frauen im Parlament als der Kongress in den USA. Das Problem der Exklusion von Frauen hält sich auf der ganzen Welt. Darum ist es wichtig, dass Frauen in wichtigen Positionen andere Frauen unterstützen. Es ist wichtig, dass Frauen eine feministische Agenda haben und leben, um andere Frauen zu unterstützen. Und auch Männer müssen mobilisiert werden für die Belange von Frauen, gerade weil sie zurzeit noch in der Mehrheit die Entscheiderpositionen besetzen.

Gleichberechtigung ist letztlich das entscheidende Ziel überhaupt. Wenn wir diesbezüglich nicht vorankommen, werden wir auch keine Fortschritte beim Erlangen all unserer anderen Entwicklungsziele erreichen. Die Schritte in diese Richtung zu tun, ist nicht unmöglich. Wir sprechen hier auch davon, Frauen vollen Zugang zu wirtschaftlichen Aktivitäten zu ermöglichen. Sie müssen genauso wie Männer berechtigt sein, Verträge zu schließen, Zugang zu Finanzmitteln und das Recht auf Land zu erhalten.

Alle Regierungen können hierfür etwas tun. Wir müssen uns allerdings viel klarer machen, was wir für Frauen konkret erreichen wollen. Denn man kann sehr beschäftigt sein und dennoch sehr wenig wirkliche soziale und politische Veränderungen erreichen.

Ein Stichwort, auf das Sie anspielen, ist wohl auch Bildung. Sie haben in Ihrer Karriere, zuerst als Lehrerin und später als Vizepräsidentin Südafrikas, darauf immer einen besonderen Fokus gelegt.

Ja, denn Bildung ist wichtig für die nachhaltige Entwicklung – und besonders für jene von Mädchen und Frauen. Wissen gibt Frauen Fähigkeiten an die Hand, die niemand ihnen mehr wegnehmen kann. Das ermöglicht es ihnen, ihre Lebenssituation und ihr Einkommen zu verbessern, aus missbräuchlichen Beziehungen zu entfliehen und besser in die Zukunft ihrer Kinder investieren zu können.

Vorurteile gegenüber Frauen sind allerdings noch immer eine universelle globale Praxis. Deswegen bekommen Frauen und Mädchen schlechtere Chancen, auch auf Bildung. Jedes Jahr mehr in der Schule bedeutet statistisch eine wahrscheinliche Zunahme des Einkommens von zehn Prozent und mehr. Mit einer schlechteren Ausbildung hingegen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Frauen in Armut leben müssen. Somit gibt es eine klare Verbindung zwischen dem besseren Zugang zu Bildung und der Möglichkeit, sich aus der Armut zu kämpfen. Bildung muss darum unbedingt frei zugänglich, kostengünstig und sinnvoll sein.

Kann die Agenda 2030 denn hier einen ausreichenden Beitrag leisten?

An der Agenda 2030 ist lobenswert, dass sie kritische Bereiche für Frauen identifiziert, die sich ändern müssen – zum Beispiel den Zugriff auf Dienstleistungen und Führungspositionen. Das heißt nicht nur wirtschaftliche, sondern explizit auch politische Führung, die ein kritischer Bereich ist. Wir müssen sicherstellen, dass auch Frauen wirtschaftliche Akteure  sein können und ebenso menschenwürdige, höherqualifizierte Arbeitsplätze bekommen. Frauen dürfen nicht nur im informellen Sektor gefangen bleiben. Aber wenn sie doch ein einen niedrig bezahlten Job ausüben, müssen sie das Anrecht auf einen Mindestlohn haben. Und die Löhne müssen für beide Geschlechter gleich sein.

Wenn es uns gelingt, einen Wandel hin zu mehr Gleichstellung anzustoßen, kann man das der nächsten Generation nicht mehr nehmen. So können Veränderungen geschaffen werden, die aufrechterhalten werden und Millionen Menschen beeinflussen. Solange man Mutter ist, ist man mit großer Wahrscheinlichkeit  in einer Situation gefangen, in der man nicht seinen eigenen Lohn verdienen kann. So verliert man den Nutzen daran, Teilnehmer an der Wirtschaft zu sein. Die Durchsetzung von Elternzeit oder Mutterschutz würden die Situation für Millionen von Frauen in der Welt drastisch ändern.

Die ärmsten Länder der Welt sind oft auch diejenigen mit der schlechtesten Gesundheitsversorgung für Frauen. Was sind die dringendsten Schritte, um das zu ändern?

Wir drängen die Länder, ihre Haushalte zu prüfen und sicherzustellen, dass ihre Budgets nicht einen Schwerpunkt auf Investitionen etwa für das Militär legen, während Mittel für die soziale und gesundheitliche Versorgung zu kurz kommen, die die Lebensumstände maßgeblich verbessern würden. Hier muss es auch darum gehen, diskriminierende Praktiken wie die Kinderheirat zu beenden und sicherzustellen, dass die reproduktiven Rechte von Frauen geschützt werden. Dass Mädchen schon früh Mütter werden, bedroht ihre Chancen, ihre Gesundheit, und auch die des Kindes.

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